Inspiration

Tierfotografie-Interview mit Julian Rad

Mit seinen Fotos gelingt es Wildlife-Fotograf Julian Rad, die Einzigartigkeit und den Charakter jedes Tieres hervorzuheben. Auf seinen Social-Media-Kanälen begeistert er fast zwei Millionen Menschen mit seinen Aufnahmen und gewann unter anderem den Comedy Wildlife Photography Award. Für uns hat er einige seiner besten Werke in einem Aufsteller und einem Kalender gesammelt. Nun stellt er sich im Interview unseren Fragen zum Thema Wildlife-Fotografie.

Interview Julian Rad
Hamster von Julian Rad

Ihre einzigartigen Fotos von Hamstern, Zieseln, Eichhörnchen und Co. sind echte Unikate! Wann haben Sie die Wildlife Fotografie für sich entdeckt und wie sind Sie zu ihr gekommen?

 

Ich habe die Wildlife-Fotografie direkt nach meiner Schullaufbahn für mich entdeckt. Nach zwölf Jahren Schule, in einem Umfeld voller Stundenpläne, Prüfungen und fester Strukturen, wollte ich erleben, wie die Welt außerhalb dieser starren Muster funktioniert. Und wenn man in der Natur unterwegs ist, wird klar, dass man keinen Stundenplan findet, keine vorgefertigten Abläufe, alles passiert organisch, überraschend und im eigenen Rhythmus. Dieses Beobachten und Verstehen des Unvorhersehbaren hat mich von Anfang an fasziniert und Schritt für Schritt zur Wildlife-Fotografie geführt.


Während viele Fotografen in ferne Länder reisen, nach Afrika oder in tropische Regionen, auf der Suche nach exotischen Tieren, hat mich das Nahe, das Vertraute gereizt. Ich habe mich den heimischen Wildtieren gewidmet, insbesondere den Nagetieren.Tiere, die eigentlich sehr scheu sind, gut versteckt leben und meist nur dann sichtbar werden, wenn man bereit ist, sich zurückzunehmen. Und Wildtiere wie Hamster, Ziesel oder Eichhörnchen zeigen ihre Welt nicht auf Knopfdruck, sie zeigen sich nur, wenn man ihnen den nötigen Raum gibt und Geduld aufbringt, denn erst dann Vertrauen aufgebaut werden und in diesem Vertrauen liegen die schönsten Momente.
Rückblickend war meine Hinwendung zur Wildlife-Fotografie kein großer Plan, sondern eine schleichende Entwicklung. Sie entstand aus Neugier, aus dem Wunsch, die Welt bewusster wahrzunehmen und aus dem Bedürfnis, über starre Strukturen hinauszugehen.

 

Zwei mit Blume von Julian Rad

Wie viel Zeit verbringen Sie damit, diese Fotos der kleinen Wiesen- und Waldbewohner hinzubekommen?

Wie viel Zeit ich dafür aufwende, Fotos von kleinen Wiesen- und Waldbewohnern zu machen, lässt sich leider kaum pauschal beantworten. Ich beginne selten mit dem Ziel, in einer bestimmten Zeit ein Tier vor die Linse zu bekommen, sondern ich lerne zuerst die Umgebung und die Tiere kennen, deren Verhaltensweisen und warte auf die Gelegenheiten, die sich von dann ganz selbst ergeben. Manchmal passiert alles schnell, manchmal zieht sich das Warten über mehrere Tage oder gar Wochen hinweg und doch ist jeder Augenblick wertvoll, selbst wenn kein einziges Foto entsteht. Tatsächlich bin ich vergleichsweise oft ohne Kamera unterwegs, dabei lerne ich die Abläufe der Tiere kennen, ihre Verhaltensweisen, die kleinsten Gesten und Signale. Erst wenn dieses Verständnis gewachsen ist und Vertrauen aufgebaut wurde, denke ich langsam daran die Kamera bereit zu halten.


Jede Begegnung trägt zur Erfahrung, zum Verständnis und zur Beziehung zu den Tieren bei. In der Wildtierfotografie entscheidet nicht die Uhr über Erfolg oder Misserfolg, denn wer sich von Zeitdruck leiten lässt, verpasst die flüchtigen Momente, die Geduld, Aufmerksamkeit und Einfühlungsvermögen erfordern. Hier geht es nicht darum, etwas „abzuhaken“ oder einen Terminplan einzuhalten, sondern darum, den Moment zuzulassen, sich auf das Tier einzulassen und die unvorhersehbaren Abläufe der Natur zu respektieren

Eichhörnchen von Julian Rad

Wie bereiten Sie sich auf Ihre Fototouren vor, in Bezug auf Ihre Ausrüstung, die Auswahl der Orte, Recherche oder Ähnliches?

Grundsätzlich beginnt alles mit der Wahl der Orte: Ich suche Lebensräume, in denen die Tiere vorkommen, sie sich natürlich bewegen und achte darauf, welche Jahreszeiten, Tageszeiten oder Wetterbedingungen für die jeweiligen Arten besonders geeignet sind. Recherche ist dabei ein wichtiger Bestandteil, ich informiere mich über ihre Gewohnheiten, Aktivitäten, bevorzugten Lebensräume, Verstecke oder typische Bewegungsmuster. Gleichzeitig weiß ich aber, dass vieles erst vor Ort wirklich greifbar wird. Verhalten, Licht, Geräusche oder die kleinsten Veränderungen in der Umgebung lassen sich nicht aus Büchern oder Karten ableiten. Die eigentliche Beobachtung und das Entdecken von Momenten passiert erst, wenn man in der Natur ist, sich Zeit nimmt, die Tiere lange studiert und aufmerksam bleibt.

Fuchs von Julian Rad

Haben Sie eine Situation oder lustige Geschichte beim Fotografieren erlebt, an die Sie immer wieder denken müssen?

 

Ein Erlebnis, an das ich immer wieder denke, passierte mir als ich Ziesel fotografieren wollte. Ich lag still unter meinem Tarnnetz, die Kamera bereit und hoffte auf einen ruhigen Moment für ein gutes Foto. Nach einer Weile bemerkte ich aus dem Augenwinkel Bewegung und zu meiner Überraschung kroch ein neugieriges Ziesel direkt unter mein Tarnnetz. Er schien genau prüfen zu wollen, wer da auf einmal in seinem Revier sitzt.


Ich musste völlig still bleiben, konnte mich keinen Millimeter bewegen, um das Tier nicht zu verscheuchen. Der kleine Kerl schnupperte hier, stupste dort mit seiner winzigen Nase und schien fast wie ein kleiner Inspektor zu kontrollieren, ob alles in Ordnung war. Für einen Moment war ich, quasi „festgehalten“ von einem Tier, das kaum größer war als meine Hand und konnte nur still lachen. Schließlich verschwand das Ziesel genauso schnell, wie er gekommen war, als wäre er nie da gewesen. Solche Begegnungen machen die Wildlife-Fotografie für mich besonders, wenn man Stunden damit verbringt, regungslos unter einem Tarnnetz zu liegen, ohne dass sich etwas tut und dann geschehen diese kleinen, unerwarteten Momente. Sie zeigen, wie neugierig die Tiere sein können und genau solche Momente bleiben dann im Gedächtnis. Und das schönste ist, dass ich mich inzwischen gar nicht mehr tarnen muss, denn nach jahrelanger Anwesenheit mitten in der Population nehmen mich die Tiere nicht mehr als Fremden wahr und bewegen sich oft völlig unbefangen um mich herum.

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